Warum dein Hund draußen nicht auf dich hört

Hund draussen

Wenn Menschen mich kontaktieren, weil ihr Hund draußen nicht hört, geht es auf den ersten Blick oft um ganz unterschiedliche Probleme.
Der eine Hund kommt nicht zurück, wenn er gerufen wird. Der nächste zieht an der Leine, als hätte er es eilig.

Ein anderer scheint seine Menschen kaum wahrzunehmen und beschäftigt sich lieber mit Gerüchen, anderen Hunden oder allem, was die Umgebung gerade zu bieten hat.
Trotzdem steckt hinter vielen dieser Situationen derselbe Gedanke:

„Warum hört mein Hund draußen eigentlich nicht auf mich?“

Und genau deshalb glaube ich, dass die Antwort häufig größer ist als ein Rückrufproblem, ein Leinenführigkeitsproblem oder ein Problem mit Hundebegegnungen.
Denn oft beginnt das eigentliche Thema viel früher.

„Aber eigentlich kann er das doch“

Einer der häufigsten Sätze, die ich in Gruppenstunden oder Einzeltrainings höre, lautet:
„Aber eigentlich kann er das doch.“
Und oft stimmt das sogar. Denn der Hund kommt im Garten, wenn er gerufen wird und reagiert auf seinen Namen.
Der Hund kann auch Sitz, Platz und den Rückruf.
Zumindest solange die Situation überschaubar bleibt.

Schwierig wird es meistens erst dann, wenn draußen etwas auftaucht, das für den Hund eine größere Bedeutung hat: 

  • Hundepfote Ein anderer Hund. 
  • Hundepfote Ein spannender Geruch oder eine frische Spur, womöglich noch ein Hase.

Und plötzlich wirkt es für dich so, als hätte dein Hund alles vergessen.
Als würde er bewusst ignorieren, was sein Mensch gerade von ihm möchte.
Doch genau an diesem Punkt lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn häufig ist nicht das Problem, dass der Hund etwas nicht gelernt hat. Das Problem ist, dass wir Menschen Lernen oft deutlich einfacher betrachten, als es tatsächlich ist.

Rückruf ist keine Ja-Nein-Frage

Viele Menschen betrachten Rückruf wie einen Lichtschalter. Entweder der Hund kann ihn oder er kann ihn nicht.

In meiner täglichen Praxis erlebe ich jedoch etwas ganz anderes:

Dein Rückruf hat Abstufungen.

Es macht einen Unterschied, ob dein Hund im Garten zu dir kommt oder ob er sich gerade zwischen dir und einem Spielkumpel entscheiden muss.
Es macht einen Unterschied, ob ihr auf einem ruhigen Feldweg unterwegs seid oder ob plötzlich ein Reh aus dem Gebüsch springt.

Deshalb frage ich meine Kunden häufig:

Wie oft habt ihr genau die Situation trainiert, in der der Rückruf später funktionieren soll?

Denn viele Hunde werden über lange Zeit in eher einfachen Situationen trainiert. Anschließend erwarten wir, dass dieses Verhalten auch dann zuverlässig abrufbar ist, wenn die Schwierigkeit sprunghaft ansteigt. 

„Das wäre ungefähr so, als würde jemand Fahrradfahren auf einem Parkplatz üben und anschließend erwarten, problemlos durch den Berufsverkehr einer Großstadt zu kommen.“

Dein Hund entscheidet sich nicht gegen dich

Ein Gedanke hilft vielen Menschen, ihre Situation etwas anders zu betrachten.

„Dein Hund trifft in den allermeisten Fällen keine Entscheidung GEGEN dich, sondern lediglich eine Entscheidung FÜR etwas anderes.“

Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied, verändert aber den Blick auf das Problem erheblich. Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, warum dein Hund dich ignoriert. Es geht darum, warum die Alternative in diesem Moment attraktiver erscheint.

Wenn dein Hund sich zwischen einem Spielkumpel und dir entscheiden muss, lohnt sich die Frage:

Was spricht aus seiner Sicht gerade für dich?

Diese Frage ist nicht immer angenehm. Sie führt aber oft schneller zur Lösung als die Vorstellung, der Hund wolle bewusst nicht hören.

Warum viele Menschen zu spät reagieren

Ein weiteres Muster sehe ich immer wieder.

Menschen erkennen häufig sehr genau, dass ihr Hund gedanklich gerade dabei ist, sich zu verabschieden.
Der Hund wird langsamer, fixiert oder nimmt eine Spur auf.
Er beginnt, sich stärker für seine Umgebung als für seinen Menschen zu interessieren.

Trotzdem passiert zunächst nichts. Du denkst: “Vielleicht schafft er es ja doch.”
“Vielleicht dreht er gleich wieder ab.”
“Vielleicht kommt er von alleine zurück.”

Erst wenn der Hund innerlich längst eine Entscheidung getroffen hat, wird eingegriffen. Dann wird gerufen, erinnert oder auch geschimpft.
Zu diesem Zeitpunkt ist die eigentliche Entscheidung jedoch oft schon gefallen.
Genau deshalb sind viele erfolgreiche Mensch-Hund-Teams nicht unbedingt schneller beim Rufen, Sie sind häufig einfach früher und schneller im Erkennen.

Warum Orientierung wichtiger ist als Kommandos

An dieser Stelle beginnt für mich das eigentliche Thema. Denn wenn ein Hund draußen nicht auf seinen Menschen hört, liegt das Problem häufig nicht darin, dass ein bestimmtes Kommando fehlt. Viel häufiger fehlt eine Gewohnheit. 

Die Gewohnheit, den Menschen in Entscheidungen einzubeziehen, nachzufragen und vor allem wahrzunehmen, wo der andere gerade ist.

Deshalb arbeite ich mit meinen Kunden viel an Orientierung. Nicht im Sinne von Daueraufmerksamkeit. Ich möchte keinen Hund, der seinen Menschen permanent anstarrt oder auf das nächste Kommando wartet. 

Ein Hund muss schnüffeln und seine Umwelt erkunden.

Er darf sich auch für andere Dinge als den Menschen interessieren.

Trotzdem wünsche ich mir, dass zwischen Mensch und Hund eine Verbindung bestehen bleibt. Dass der Hund gelegentlich nach seinem Menschen schaut und ihm auffällt, wenn dieser zum Beispiel stehen bleibt.

 Und dass er wahrnimmt, wenn sich etwas verändert.

Nicht weil er dazu aufgefordert wurde.

Sondern weil es für ihn selbstverständlich geworden ist.

Gute Entscheidungen entstehen lange vor dem Rückruf

Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke dieses ganzen Artikels. Viele Menschen versuchen, gute Entscheidungen genau in dem Moment zu erzeugen, in dem sie dringend gebraucht werden.

Doch so funktioniert Lernen selten. Ein Hund entscheidet sich nicht plötzlich auf einer Schwierigkeit von neun von zehn für seinen Menschen.

Diese Entscheidung wird vorher in vielen kleinen Momenten vorbereitet.

Wenn dein Hund lernt, dich wahrzunehmen.

Wenn er erlebt, dass Zusammenarbeit sinnvoll ist.

Wenn er regelmäßig gute Erfahrungen mit gemeinsamen Entscheidungen macht.

Dann wird auch der Rückruf leichter, die Entscheidung für oder gegen Freilauf leichter.

Dann werden Begegnungen leichter.

Nicht weil dein Hund plötzlich gehorsamer geworden ist, sondern weil er gelernt hat, dich in seine Entscheidungen einzubeziehen.

Bleib auf eurem Spaziergang einfach mal stehen. Sage nichts, locke nicht. Warte einfach ab, was passiert.

  • Wie lange dauert es, bis dein Hund merkt, dass du stehst?
  • Schaut er dich an oder wartet er nur ungeduldig?
  • Kommt er zu dir zurück, um zu fragen, was los ist?

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Hund in der Box

Fazit

Wenn dein Hund draußen nicht auf dich hört, bedeutet das nicht automatisch, dass er stur ist, dich ignoriert oder seine Kommandos vergessen hat.

Oft steckt etwas anderes dahinter.

Viele Hunde haben nie gelernt, ihren Menschen in schwierigen Situationen wirklich einzubeziehen. Deshalb lohnt es sich, den Blick vom einzelnen Kommando wegzulenken und stattdessen auf die vielen kleinen Entscheidungen im Alltag zu schauen. Denn genau dort entsteht Orientierung.

Und Orientierung ist häufig die Grundlage für alles, was wir uns später wünschen:

  • Mehr Freilauf.
  • Mehr Sicherheit.
  • Mehr Gelassenheit.

Und Spaziergänge, die sich wieder nach gemeinsamer Zeit anfühlen.

Unterschrift von Tina in handschriftlicher Schrift
Hundetrainerin Tina Kämmerling

Hundetrainerin im Raum Köln